Kommentar von pos architektin Ursula Schneider zur Zukunft des Passivhauses

Das Prinzip Nachhaltiges Bauen darf nicht auf den Grenzwert von 10 kWh HWB/m² BGF, a allein reduziert werden.

Der Passivhausgedanke hat uns wesentliche physikalische Zusammenhänge klar gemacht und eine sehr beachtliche Komponentenentwicklung in Gang gebracht, die viel zur Energieeffizienz und vor allem zur Anhebung des Wohnkomforts beigetragen hat.

Dennoch wäre es dringend an der Zeit, dass neben  den ideologischen Grabenkämpfen das Wesentliche nicht auf der Strecke bleibt. Einfamilienhäuser sind eine extrem teure Bauform. Angefangen vom schlechten Volumsoberflächenverhältnis, das mit wesentlich mehr Dämmstoff/Person kompensiert werden muss, über die erforderliche Straßen- und Leitungsinfrastruktur zur Versorgung, über die entstehende Mobilität, das Pendlertum  bis hin zu sozioökonomischen Fragen wie dem "alleine immobil in einem Haus in Randlage im Alter festgenagelt sein", oder der Frage, wer für das hochindividualisierte Produkt  Einfamilienhaus in Zukunft Nachnutzer sein will.

Das Einfamilienhaus ist eine Bauform, die derzeit in unserer Gesellschaft von uns allen sehr hoch querfinanziert wird, und dies ohne erkennbaren Nutzen.

Es wäre daher ein Gebot der Stunde, nicht nur keine EF-Passivhäuser zu fördern, sondern überhaupt EF-Häuser nicht mehr zu fördern und auch ihre Sanierung nicht zu fördern. Das mag im Moment schmerzhaft sein, letzten Endes ist es aber der Schritt, zu dem wir irgendwann einmal ohnedies kommen müssen. Je schneller er beschritten wird, desto schneller wird es gute Alternativen geben.

Es braucht eine gewisse Verdichtung, auch im ländlichen Raum (wie es sie auch über die Jahrhunderte immer gegeben hat), es braucht Konzepte die von der Raumplanung bis zur Recyclierbarkeit der Baustoffe nachhaltig sind, und sich nicht auf HWB oder Endenergiebedarf/ m² beschränken, weil dies u.U. für das große Ganze zu falschen Prioritäten führen kann.

Wir haben die Lektionen von Dr. Feist in den letzten Jahren gelernt, wir werden in unserem  Klima hochgedämmte Hüllen mit geringen Wärmebrücken und ohne Leckagen bauen und Dreischeibenverglasungen einsetzen. Die Frage der Lüftung ist aus meiner Sicht noch deutlich entwicklungsfähig, hier sind unsere Antworten noch von mäßiger und nicht ausreichender Qualität.  Im Gesamtzusammenhang mit Fragen der Mobilität, der Reboundeffekte durch immer mehr Komfort und immer mehr elektrische Verbraucher und immer mehr Flächenbedarf und im Zusammenhang mit der äußerst dringlichen Frage einer Versorgung mit 100% erneuerbarer Energie relativiert sich das Postulat  10 kWh HWB/m² BGF, a allerdings recht stark.

Wesentlich mehr Einfluss als ein HWB von 10, 15 oder 20 hat da z.B. die Beschränkung der Stellplatzverfügbarkeit und die Verfügbarkeit von öffentlichem Verkehr, die ihrerseits wieder mit der Dichte zusammenhängt. Womit wir wieder  beim Anfang wären.

Dazu passen die Erkenntnisse aus unserem Forschungsprojekt EFES, in dessen Rahmen wir die Energieeffizienz von Siedlungen hinsichtlich ihrer Bebauung und Standortabhängiger Verkehrsbeziehungen überprüft haben.

Im Download-Bereich dieser Seite finden Sie den Energieverbrauch einer Siedlung nach Verbrauch für Beheizung, Warmwasser, Haushaltsstrom und für Mobilität, und zwar alles in Primärenergie pro Person und Tag.

Es ist ein und dieselbe Siedlung, ganz links wie sie derzeit errichtet wird, und rechts verschiedene Varianten die unten beschrieben sind, wobei es auch unterschiedliches Nutzerverhalten gibt. Farbig markiert sind immer die Änderungen zur vorigen Spalte und zur Ausgangsversion.

Zum EFES - Forschungsprojekt

Zum Seitenanfang